Landwirtschaft vor der Agrarreform

Der folgende Artikel enthält Beiträge aus dem Bauernblatt vom 10. September 1988 und aus "Fürchterliche Befehle! Schreckliche Gesetze!" von Peter Nottke, Festschrift "750 Jahre Trittau", 10. Februar 1989

"Für unsere Dörfer hat es außer gewissen Kriegszeiten kaum mehr eine aufgeregtere aber auch gleichzeitig segensreichere Zeit gegeben, als die der Verkoppelung." So beginnt Christian Wegner, Chronist der Tornescher Ortschronik, seinen Bericht über die in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts durchgeführte Agrarreform.

Was hat unsere Vorfahren damals, vor rund 230 Jahren, so in Aufregung versetzt und war für die Entwicklung der Landwirtschaft so segensreich ? Um dieses Ereignis für uns heute verständlich zu machen, müssen wir einen Rückblick in die Wirtschaftsweise unserer bäuerlichen Dorfschaften im Mittelalter tun.

Um Siedlungs- und Wirtschaftsraum zu bekommen, mussten im frühen Mittelalter umfangreiche Waldrodungen zur Urbarmachung des Landes durchgeführt werden. Es bildeten sich viele Siedlungsinseln - die Geburtsstätten unserer Dörfer - in den sonst großen Waldgebieten. Diese Schaffung von Kulturland wurde in genossenschaftlicher Weise durch die Bauern vorgenommen. Es entstand eine vielgestaltige Acker-, Weiden- und Wiesenflur, die von Krattwäldern und Gebüschen durchsetzt war. Haus, Hof und Kohlgarten (Hausgarten) waren im Einzelbesitz der Bauern. Jede neugewonnene Ackerfläche (Kamp) wurde in schmale Streifen (Schläge) nach Anzahl der Höfe oder Hufen des Dorfes geteilt. Sie wurden gemeinsam in sog. Dreifelderwirtschaft (es wechselte Brache, Winter- und Sommerkorn) als Feldgemeinschaft bewirtschaftet. Es gab nur eine gemeinsame Zufahrt zu dem jeweiligen Kamp. Die einzelnen Arbeitsschritte wie Pflügen, Säen und Ernten mussten von den Hufnern gemeinsam und gleichzeitig durchgeführt werden (Flurzwang).

Ähnlich gemeinschaftlich wurde die Allmende, die Gemeine Weide, das Meentland oder Gemeenheit, wie auch immer sie benannt wurde, genutzt. Sie diente überwiegend als Viehweide, aber auch zum Schlagen von Heide- und Moorplaggen, zur Düngung der Äcker und als Buschwald zur Versorgung mit Holz.

Das Zusammenleben der Dorfschaft sowie der Feldgemeinschaftsangelegenheiten wurde durch "Beliebungen" geregelt. In ihnen waren Richtlinien über die Nutzungen in Feld und Dorf aneinandergereiht. Entscheidungsorgan der Feldgemeinschaft war die Versammlung der Hufner oder Bauleute. Sie beschlossen ihre "Willküren", deren Einhaltung durch Bußen Nachdruck verschafft wurde. Nur so konnte die genossenschaftliche Bewirtschaftung der Flur gesichert werden. Die sog. "kleinen Leute" des Dorfes, Kätner, Heuerleute, Brinksitter sowie Insten hatten keinen Zugang zu den Versammlungen der Hufner oder Bauleute, sie hatten keine Nutzungsrechte, sie mussten für ihre kleinen Viehbestände Grasgeld zahlen.

Die Art der Bewirtschaftung unserer Dorffluren sowie die Organisation der Dorfschaften hat über Jahrhunderte bestanden. Man nennt diese Agrarverfassung "Hufen" oder "Marktverfassung". Sie ließ wenig Raum für individuelles Handeln, Ausweisung neuer Hofstellen sowie wirtschaftliche Freiheit des einzelnen Bauern. Die extensive und schwerfällige Betriebsweise auf den in Feldgemeinschaften bestellten Dorffluren und die damaligen bescheidenen Düngemöglichkeiten mit Heideplaggen ließen nur geringe Erträge erwirtschaften. Mit diesen Erträgen konnte niemand den erhöhten Steuerlasten nachkommen, die nach den langen Kriegen im 17. und beginnenden 18. Jahrhundert die einzelne Hufe belasteten.

So befand sich die Landwirtschaft Mitte des 18. Jahrhunderts in einer krisenhaften Situation. Einerseits forderte eine wachsende Bevölkerung mehr Leistung, d.h. mehr Agrarerzeugnisse. Andererseits fehlte es den Bauern allzu oft an Dünger, weil sie sich nicht genug Viehfutter kaufen konnten. Als Folge davon erzielten sie geringe Erträge, weswegen sie wiederum zu wenig Mittel für Viehfutter aufbringen konnten. Viele Bauern befanden sich in Teufelskreisen wie diesem. Der Heimatforscher H. Funck schreibt über das niedrige Niveau der Produktivität, dass "Ernten mit dem zweiten Korn", bei denen also ein Sack Korn ausgesät wurde, um zwei Sack ernten zu können, nichts ungewöhnliches gewesen seien. "Ernten mit dem dritten Korn galten schon als mittelmäßig  und solche mit dem vierten oder fünften Korn wurden schon als gut bezeichnet."

Tatsächlich war es auch in Trittau nicht anders. Das Erdbuch von 1765 spricht bei Buchweizen von einer Ernte mit dem zweiten, beim "fetten Rocken" (= Roggen) von einer Ernte mit dem vierten, beim "magern Rocken" von einer Ernte mit dem zweiten Korn und einem halben. Bei "Habern" (= Hafer) hätten die Bauern das dritte oder vierte Korn "frei".

Vor der Mitte des 18. Jahrhunderts war es jedoch nicht üblich, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, wie man aus der landwirtschaftlichen Arbeit mehr Gewinn ziehen könnte. Sofern Bauern in den Herzogtümern Schleswig oder Holstein im großen und ganzen für sich selbst produzieren durften (und nicht etwa auf Fronhöfen als Leibeigene arbeiten mußten), galt die Anstrengung vorzugsweise dem eigenen Hofbetrieb, dem eigenen Haus und der eigenen Familie, nicht aber in erster Linie einem Markt und seinen anonymen Käufern.

Die im 18. Jahrhundert allgemein in Westeuropa aufkommenden liberalen Bestrebungen in Geisteswelt und Politik machten auch im Bereich der Landwirtschaft nicht halt. Ab etwa der Mitte des 18. Jahrhunderts begannen Angehörige gebildeter Kreise, über die ungenutzten Möglichkeiten der Landwirtschaft zu diskutieren. "Pastoren gaben von der Kanzel Ratschläge, wie man sein Land besser bebauen könnte." Bereits am Anfang des 18. Jahrhunderts wurde den Bauern von der "Obrigkeit" die Empfehlung gegeben, mehrere kleine Ackerparzellen zu größeren zusammenzulegen. Das las sich dann so: "So viel thunlich ein jeder sein Land durch freiwillige Umtauschung in befriedigte Koppeln oder Kämpe bringet, wie auch die allgemeine Weyde nach Hoff-Zahl ohne Entgelt eingetheilt ausgewiesen und aufgenommen wird."

Die unrationelle Bewirtschaftung des Bodens war eine Angelegenheit, die nicht nur aus volkswirtschaftlichen Überlegungen heraus plötzlich diskutiert wurde. Hinter dem Einsatz für die Agrarreform stand auch ein Wandel im Menschenbild. J.H.G. Justi (1717 - 1771) z.B. meinte, "dass alles, was mehreren gehört, weniger genutzt, weniger verbessert, weniger kultiviert werde als der Besitz eines einzelnen". Justi war davon überzeugt, dass die Bauern nur dann einen größeren Fleiß an den Tag legen und mehr Erfindungsgabe entwickeln würden, wenn sie hoffen könnten, persönlich mehr zu verdienen und sich ein besseres Leben leisten zu können.

Chaos in der Kieler Kasse

Angesichts einer katastrophalen Ebbe in der Staatskasse schien eine Reform des Abgabenwesens dringend erforderlich. Dabei hatte man aber nicht in erster Linie eine Erhöhung der Abgabe an den Landesherren, des "Praestando", im Auge, sondern dessen Berechenbarkeit. Die Größe der einzelnen Stellen, die über die Belastung entschied, wurde nicht durch Messung bestimmt, sondern wurde von den Bauern selbst nach ihrer Aussaat angegeben. Bewusst oder unbewusst falsche Meldungen konnten kaum kontrolliert werden.

Die Gefahr für den Staat bestand bei solch unklaren Bemessungen in besonderem Maße darin, die Untertanen steuerlich zu überfordern, sie in Unkenntnis der jeweils vorliegenden genauen Verhältnisse so stark zu belasten, dass sie als Steuerzahler überhaupt ausfielen. Letzteres war zu vermeiden, denn der Staat brauchte Leute, die gern im Lande blieben und sich an seiner wirtschaftlich-finanziellen Entwicklung beteiligten, ohne von Jahr zu Jahr neue Steuernachlässe erbitten zu müssen.

Im Jahre 1744 wurde eine Verordnung zur Landausweisung erlassen. Sie gab die Möglichkeit, neue Hofstellen zu gründen. In dieser Zeit sind viele neue Höfe entstanden. Im Jahre 1771 wird die Einkoppelungsverordnung erlassen. Durch diese Verordnung werden die Feldgemeinschaft und der Flurzwang aufgehoben und eine umfangreiche Flurbereinigung durchgeführt. Diese war die gesetzliche Grundlage, die das Land in das private Eigentum der Bauern überführte.

Für Hufen hieß das z.B. laut einem Regulativ, das 1768 von einer besonderen Kommission im Generaldirektorium formuliert war, daß sie nicht unter 50 und nicht über 100 Tonnen liegen sollten (d.h. zwischen 31 und 63 ha). Die Halbhufner sollten sich nur noch zwischen 23 und 50 Tonnen aufhalten (16 - 31 ha) und die Kätner zwischen 12 und 20 Tonnen (8 - 13 ha).

Dass die Folgen dieser Maßnahmen auch noch in eine andere Richtung gingen, wird deutlich, wenn man das Schicksal der Gemeinen Weiden bedenkt, die ursprünglich unter dem Schutz der Dorfschaft standen. Die Gemeinen Weiden wurden als solche weitgehend aufgelöst, in abgemessene Portionen zergliedert und einzeln an die Bauern verteilt. Dabei erhielten die kleinen Bauern (halb, drittel und zwölftel Hufner) die größeren Anteile. Somit stellte man auch diesen Teil der Dorfbevölkerung auf eine wirtschaftlich solidere Basis. Auf das Land der Gemeinen Weiden, ursprünglich den Dorfschaften per Gerechtsame vom Landesherren zum kostenlosen Gebrauch überlassen, sollte fortan ebenfalls die Abgabe für den Landesherren, das Praestando, erhoben werden, zahlbar von jedem einzelnen gemäß seinem persönlichen Anteil.

Nachdem die Grundzüge der Reformen entwickelt worden waren, wurden auch sogleich die ersten Maßnahmen (z.B. Vermessung) eingeleitet.  1772 legte Johann Andreas Thießen, ein vereidigter Geometer, das Ergebnis seines Messens und Rechnens im Dorf Trittau vor. In einem eigenen Buch alten Kanzleiformates waren hier Angaben zu den Besitzständen der Eingesessenen festgehalten worden. Daneben zeichnete Thießen eine riesige Karte von der Gemarkung Trittau. Diese hier teilweise in Reproduktion wiedergegebene Karte findet in natura auf keinem einzelnen Tisch Platz; um sie auszubreiten bedarf es mehrerer Zusatzeinrichtungen.

Die Flurkarte ist hier verkleinert dargestellt. Wenn Sie auf die verkleinerte Flurkarte klicken, wird die Karte in einem neuen Fenster in der größten hier vorliegenden Auflösung (Achtung: 716 KB - die Ladezeit ist selbst bei einem DSL Anschluß spürbar) dargestellt und Sie können sich durch umherscrollen Details in 3facher Vergrößerung ansehen. Der Ort Trittau liegt ungefähr in der Mitte der Karte, ihn sollten Sie zuerst suchen. Dabei wird Ihnen auffallen, dass der Ort damals im wesentlichen im Süden nur von der Abzweigung der heutigen Rausdorfer Strasse (max. inklusive Volksbank) bis zur Abzweigung des heutigen Ziegelbergwegs im Norden ging (bis max. Café am Markt). Dahinter begann schon die Feldmark. Deutlich erkennbar ist auch, dass die Trassenführung der heutigen Bahnhofstrasse, Großenseer Strasse und Lütjenseer Strasse durch die damalige Verkoppelung vorgegeben wurde.

Auf der vergrößerten Karte ist - durch Nummern gekennzeichnet - bei vielen Grundstücken hinterlegt, wem die Stelle gehörte. Wenn der Cursor einige Sekunden auf dem Grundstück bzw. Haus verharrt, erscheint für 5 sec ein kleines Fenster mit dem Namen des damaligen Besitzers und der zugehörigen Nummer. Sie müssen dazu natürlich erst einmal den Ort selbst in die Mitte des Bildschirms scrollen. Sie finden diese Informationen übrigens auch außerhalb des Ortszentrums, man muss dann nur etwas suchen.

Den eigenen Grund und Boden musste jeder Bauer - wie es ausdrücklich gefordert war - mit "lebendem Pathwerk" einkoppeln; man befriedete, wie es im amtlichen Deutsch hieß, die Felder mit "Graben, Wall und Pathen", also mit Knicks. Die eingefriedeten Ackerflächen nannte man Koppeln. Die Knicks und Redder (Doppelknicks) bestimmen noch heute unser Landschaftsbild. Die vor der Agrarreform regellos verstreuten Waldelemente, Kratts und Büsche wurden nach der Verkoppelung durch das angeordnete Knicksystem landschaftsökologisch voll ersetzt.

Die im 18. Jahrhundert eingeleitete und überwiegend durchgeführte Agrarreform war Grundlage und Voraussetzung für die fortschrittliche Landwirtschaft des 19. und 20. Jahrhunderts und richtungsweisend für die gesamte Entwicklung Deutschlands in den folgenden Jahrhunderten.