Was Trittau zu dem machte, was es heute ist.

Stark gekürzte Fassung eines Vortrages vor dem "Trittauer Kreis", gehalten am 02. Mai 2002 von Oliver Mesch, Archivar der Gemeinde und des Amtes Trittau. Wenn Sie das Originalredemanuskript lesen möchten, können Sie es sich hier herunterladen. Sie benötigen dazu den Acrobat Reader, den Sie sich kostenlos auf Ihren PC laden können.
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Anhand einiger ausgewählter Beispiele aus Trittaus Vergangenheit kann verdeutlicht werden, wie in früheren Zeiten Weichenstellungen vorgenommen wurden, die Trittaus Entwicklung zu dem, was es heute ist, nachhaltig auf den Weg brachten: ein moderner Zentralort, ein prosperierender wirtschaftlicher, administrativer und kultureller Mittelpunkt der Trittau umgebenden Dörfer.

Erhebung zum Kirchspiel

Eine der frühesten Urkunden, in denen Trittau erwähnt wurde (die älteste stammt aus 1167 bzw. 1239), stammt aus dem Jahr 1248. Seinerzeit wurde die in Trittau befindliche Kapelle zur Tauf- und Gemeindekirche erhoben und damit das Kirchspiel Trittau aus der Taufe gehoben. Und dies war bereits eine entscheidende Weichenstellung für Trittaus Zukunft.

Vorher war die Trittauer Kirche eine Tochterkapelle der Kirche in Steinbek, das Dorf gehörte zum Kirchspiel Steinbek. Das Kirchspiel Steinbek war sehr groß, und das brachte Probleme für das kirchliche Leben mit sich. Um die Kirchenorganisation seines Sprengels zu effektivieren, erhob Domprobst Otto von Hamburg deswegen im Jahre 1248 die Trittauer Kapelle zu einer Tauf- und Gemeindekirche und gründete das Kirchspiel Trittau. Die Dörfer, die dem neuen Kirchspiel Trittau zugeschlagen wurden, waren in etwa die des heutigen Amtes Trittau.


Die Trittauer Kirche vor 1888.

Die Gründung des Kirchspiels Trittau im Jahr 1248 durch Domprobst Otto von Hamburg, war die entscheidende Weichenstellung für Trittaus weitere Zukunft! Doch warum?

In vormodernen Zeiten bestimmte die Kirche das Leben der Menschen ungleich stärker als heutzutage. Es war sozusagen auf die Kirche ausgerichtet - und eben diese Kirche stand in Trittau. Die Menschen aus den eingepfarrten Dörfern richteten ihr Leben also auf Trittau aus. Und nicht nur das, kirchliche. Kirchspieldörfer waren wirtschaftlicher, kommunikativer und kultureller Mittelpunkt für die umliegenden Dörfer. So ist die Zentralitätsfunktion, die Trittau heute wahrnimmt und auch landesplanerisch zugeteilt bekommen hat, nichts anderes als der vorläufige Endpunkt einer historischen Entwicklung, die in der Entscheidung des Dompropstes Otto, Trittau zum Kirchspiel zu erheben, ihren Anfang nahm. Die erste entscheidende Weichenstellung für Trittau ist also schon über 754 Jahre alt.


Die Burg in Trittau, später auch das Schloß genannt.

Bau der Burg

Auch eine zweite wichtige Weichenstellung liegt lange zurück: gemeint ist die Burg, die in Trittau errichtet wurde.

Es war ein Konglomerat von Gründen, das Graf Johann III. in der Zeit 1325-27 dazu bewegte, in Trittau eine Burg zu errichten. Doch eben durch die Existenz einer landesherrlichen Burg wurde Trittau im 14. Jahrhundert Mittelpunkt einer Vogtei. Das heißt: Um die Burg herum bildete sich ein Verwaltungsbezirk, und dessen Mittelpunkt war: Trittau! Es wurde durch den Bau der Burg im 14. Jahrhundert also auch zu einem administrativen Zentrum! Der Einzugsbereich dieses administrativen Zentrums war ungleich größer als der des Kirchspiels, er dehnte sich nach Norden bis Stuvenborn, nach Westen bis Alsterdorf aus. Zum Amt Trittau der Frühen Neuzeit gehörten zeitweise 36 Dorfschaften.

Der Grundstein für den entscheidenden Standortfaktor Zentralität, der Trittau heute u.a. auszeichnet, wurde bereits im Mittelalter gelegt.

Verkoppelung

Eine andere wichtige Weichenstellung waren die am Ende des 18. Jahrhunderts begonnenen Agrarreformen in Schleswig-Holstein, insbesondere die Verkoppelung. Durch diese Reformen wurde die Flurverfassung radikal umgestellt und eine Rationalisierung der Ackerbewirtschaftung erreicht. Die Verkoppelung war der Anfang der Bewegung zur Moderne. Worum ging es? Vor der Verkoppelung wurde der Großteil der Äcker in Holstein und auch in Trittau in Feldgemeinschaft bewirtschaftet. Diese Wirtschaftsweise war wenig effektiv, musste man sich in langwierigen Prozessen doch z.B. immer darauf einigen, was man anbauen wollte, es musste gleichzeitig geschehen und irgendwie gehörte allen doch alles. Und genau da setzte die Verkoppelung an. An deren Ende stand, wenn man so will, die Individualisierung der Feldwirtschaft.

1772 wurde die Verkoppelung in Trittau in Angriff genommen. Feldmesser wurden ausgesandt und vermaßen die Dorffluren. Sie fertigten Karten der Dorffluren und vermerkten den Besitz eines jeden Bauern. Danach begann mit der Neuverteilung der Ländereien der wesentliche Teil der Agrarreformen. Im Gottorfischen legte man dabei das Prinzip der Egalisierung zugrunde, danach sollten alle Hufner, Halbhufner, Viertelhufner usw. gemäß ihres Status  die gleiche Menge urbares Land erhalten. In Trittau wurden z.B. jedem Halbhufner 50 Tonnen, jedem Viertelhufner 25 Tonnen Land zugesprochen. Dann wurde das neue Land arrondiert, d.h. zusammengelegt, und jedem Bauern mehrere eigene Felder zugeteilt. Die Bauern sollten ihre neuen Felder "einkoppeln" bzw. "einknicken", d.h. durch Knicks und Buschwerk einfassen. Auf diese Weise entstand übrigens die hier so prägende Knicklandschaft. Um freien Zugang zu den Feldern zu erhalten, wurden neue Wege angelegt.

Die Verkoppelung war eine entscheidende Weichenstellung hin zu einer moderneren und leistungsfähigeren Landwirtschaft: die Erträge stiegen, mehr Menschen konnten ernährt werden, und dies bildete schließlich die Basis für die weiteren Modernitätsschübe, die später folgen sollten.

Eisenbahnanschluss

Eine andere wichtige Weichenstellung, und das im wahrsten Sinne des Wortes, forcierten die Trittauer selbst: Den Anschluss Trittaus an das Eisenbahnnetz. Schon 1869 verhandelte man über den Bau einer Bahnlinie Segeberg-Oldesloe-Berlin, die Trittau berühren sollte. Doch daraus wurde nichts. Die Trittauer aber blieben beharrlich, immer wieder baten sie um einen Bahnanschluss. Und 1887 war es dann soweit: Die Bahnlinie Oldesloe-Schwarzenbek wurde feierlich eröffnet und der Trittauer Bahnhof eingeweiht.

Für Trittaus Entwicklung im ausgehenden 19. Jahrhundert aber war der Eisenbahnanschluss Trittaus mehr als segensreich. Er verhalf Trittau dazu, zu prosperieren und die strukturelle Entwicklung zu nehmen, an deren Endpunkt wir heute stehen. Aber der Bahnanschluss machte sich auch schon für die Zeitgenossen fast unmittelbar bemerkbar. Zum einen schuf die Eisenbahn endlich eine vernünftige Marktanbindung Trittaus. Jetzt konnten große Mengen von Waren schnell und kostengünstig vermarktet werden. Die Gründung der Meierei im Jahr 1893, einem der ersten industriellem Betrieb in Trittau, ist z.B. unmittelbar auf den Anschluss an das Eisenbahnnetz zurückzuführen. Und die Eisenbahn brachte noch etwas anderes, das das Gesicht des Ortes lange Jahre prägte und Wohlstand brachte: Touristen. Die Eisenbahn brachte massenhaft (Nah-) Erholungssuchende in die Gemeinde.

Kurzum: die Eisenbahn brachte die Touristen, und die Touristen brachten Geld. Die Entscheidung, Trittau an die Eisenbahn anzubinden, war also eine entscheidende Weichenstellung für den wirtschaftlichen Aufschwung Trittaus und schuf die Voraussetzung für die Ansiedlung von Industriebetrieben.

Elektrifizierung

Zu guter Letzt ein Beispiel für eine Weichenstellung, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorgenommen wurde: die Elektrifizierung. Was heute selbstverständlich ist, nämlich Strom aus der Steckdose, ist ja genau genommen eine junge Errungenschaft. Trittau bekam erst 1913 Strom. Zwar war dies eine Sache, die die Trittauer nicht entscheiden konnten. Aber sie haben sich dafür eingesetzt, und das war nicht selbstverständlich. Vielerorts, gerade auf dem Lande, stand man dieser neuen Energiequelle skeptisch bis ablehnend gegenüber. Das war z.B. in Witzhave der Fall. Als man 1910 einen Fragebogen an die Gemeinden schickten, ob sie Interesse an einer Stromversorgung hätten, antworteten die Witzhaver lapidar "kein Interesse".

Vorangetrieben wurde die Elektrifizierung durch den Kreis Stormarn. Insbesondere der "Leutemangel" auf dem Lande bildete dabei den wichtigsten Grund, die Elektrizität einzuführen. Je mehr sich in den Städten die Industrie verbreitet, desto mehr Arbeitskräfte wanderten vom Lande ab. Der Wunsch, die fehlenden Arbeitskräfte durch Maschinen zu ersetzen, war daher in allen Kreisen der Landwirtschaft sehr stark. Für die stromversorgende überlandleitung, schloss der Kreis schließlich 1912 einen Vertrag mit den Siemens-Schuckert Werken, die die Elektrisierung vornehmen sollten. Alle Stormarner Gemeinden wurden gebeten, sich für oder gegen einen Stromanschluss zu entscheiden. Und die Gemeinden taten sich wirklich schwer damit. Wenn man sich einmal die Mühe macht, die verschiedenen Beschlüsse zu lesen, vermitteln sie uns einen guten Einblick in die damalige Gefühlswelt der Menschen, die von Ungewissheit, Unsicherheit und von der direkten Abneigung und Ablehnung dieser unheimlichen, nur schwer erklärbaren neuen Technik geprägt war. Trittau entschied sich dafür. Nicht auszudenken, wenn Trittau sich nicht an die Stromversorgung hätte anschließen lassen.

Zusammenfassung

Ich hatte versucht zu zeigen, dass in unserer Vergangenheit Weichenstellungen vorgenommen wurden, die Trittau zu dem gemacht haben, was es heute ist. Oft waren sich die Zeitgenossen gar nicht bewusst, dass sie eine entscheidende Weichenstellung vornahmen. Oft waren es nicht einmal die Trittauer selbst, die am Rad der Geschichte drehten. Das ist heute ja auch so, dass man viele Entscheidungen gar nicht selbst treffen kann.

Ein anderes Phänomen, das Veränderungen häufig mit sich bringen, ist, dass sie von vielen Menschen skeptisch beurteilt, wenn nicht gar abgelehnt werden. Vielen Menschen fehlen ganz einfach die Visionen, andere wiederum haben sich im System gut eingerichtet und fürchten um ihren Besitzstand.

Aber wenn einmal eine Weichenstellung vorgenommen wurde, hat sie das Leben der Menschen entscheidend beeinflusst. Vieler dieser Entscheidungen, die in der Vergangenheit getroffen wurden, sind wir uns heute nicht mehr bewusst, aber sie haben unseren Ort erst zu dem gemacht, was er heute ist.

Oliver Mesch